griechische Naturwissenschaft.


griechische Naturwissenschaft.
griechische Naturwissenschaft.
 
Die griechische Naturwissenschaft hat ihre Wurzeln in Kosmogonie und Kosmologie; sie war stets integriert in die griechische Philosophie (v. a. die Naturphilosophie) beziehungsweise von deren Grundannahmen bestimmt. Sie blieb zudem bis Platon (Kosmologie) ausschließlich und später wesentlich auf das Ganze des Kosmos gerichtet. Als bei Aristoteles (Naturphilosophie) und in seiner Schule einzelwissenschaftliche Methoden entwickelt wurden, basierten die entsprechenden Disziplinen weiterhin auf den Prinzipien der allgemeinen Naturphilosophie hinsichtlich der Erklärung und Begründung der Dinge und Vorgänge in der Natur. Da griechisches wissenschaftliches Denken in dieser umfassenden Weise nach dem Woher und Warum und Wozu fragt, galten die Ergebnisse etwa mathematisch beschreibender Astronomie und Optik nur als Hypothesen, die die Phänomene mehr oder weniger genau wiedergeben; sie konnten auf das naturphilosophische Weltbild keinen Einfluss nehmen. Das Experiment, das einen gezielten Eingriff in das natürliche Geschehen darstellt, wurde von den antiken Naturwissenschaften abgelehnt. Alle Möglichkeiten, die Natur durch Handlungen zu beeinflussen (Aristoteles spricht von »überlisten«), rechnete man zur Mechanik, die eine Kunstfertigkeit, aber keine Wissenschaft nach antikem Verständnis darstellte. Erklären bedeutete für die griechische Naturwissenschaft, ein Phänomen unter die zutreffende qualitative begriffliche Kategorie einzuordnen. Sie rang v. a. um Einsicht in die Beweggründe und Ziele des Naturgeschehens; es ging ihr nicht um dessen Beherrschung; nicht die Bewährung in wiederholter Erfahrung, sondern Schönheit und Einfachheit galten ihr als Kennzeichen der Wahrheit.
 
Indem sich Aristoteles von der platonischen Vorstellung einer Universalwissenschaft löste und ein Nebeneinander von Einzelwissenschaften etablierte, konnte auch die Biologie als selbstständige Wissenschaft entstehen. Ausgangspunkt bildet die einzelne Art (griechisch eidos) als das kleinste unveränderliche Allgemeine. Die biologischen Schriften des Aristoteles gliedern sich in eine Materialsammlung und einen Teil, in dem die Gründe für morphologische und entwicklungspsychologische Tatsachen gegeben werden. Die Sammlung möglichst vieler unterscheidender Merkmale sollte die Voraussetzung für eine Klassifikation der Lebewesen bilden, die nur durch eine Kombination verschiedener gleich geordneter Merkmale erreicht werden kann. Aristoteles unterschied die zwei Hauptgruppen der Bluttiere und der Blutlosen (heute: Vertebrata und Invertebrata) mit den allgemeinsten Gattungen, die zum Teil in Zwischengruppen mit wiederum untersten Arten zerfallen. Die Funktionen der tierischen Gewebe und Organe erklärt er als zweckgerichtet. Zur Erklärung der Entstehung und Entwicklung der Lebewesen stellte er sich die embryonale Entwicklung als eine impulsgesteuerte Kette von Neubildungen vor, bei der das Produkt dem Ziel eines handwerklichen Prozesses entspricht. - In der Botanik setzte Theophrast die Arbeiten seines Lehrers fort. In seinen botanischen Schriften hielt er sich weitgehend an dessen Methode in den zoologischen Schriften.
 
Eine eigene wissenschaftliche Disziplin bildete die Chemie in der Antike nicht; es gab jedoch eine Fülle chemischer Einzelkenntnisse (z. B. über Farben, Werkstoffe, Drogen, Kosmetika u. Ä.). Eine Theoriebildung im modernen Sinne stellten annähernd der auf Leukipp und Demokrit zurückgehende Atomismus dar sowie die Lehre des Empedokles von den vier Elementen Luft, Wasser, Feuer und Erde. Mit ihrer Hilfe suchte man Eigenschaften der Materie zu erklären. Auf der Ebene der Atome gibt es nach Empedokles nur zufällige Mischung (»Liebe«) und Entmischung (»Hass«). Organismen interagieren mit ihrer Umwelt durch kleinste Teilchen, die in die Poren der Sinnesorgane eintreten. Mit seiner These, dass Gleiches nur von Gleichem wahrgenommen werden könne, hat Empedokles großen Einfluss ausgeübt (z. B. auf Goethe). Aristoteles setzte dem Atomismus seine Lehre von der immer weiter teilbaren Materie und - darauf fußend - den inneren Gegensätzen (warm-kalt, trocken-feucht) entgegen. Aus der Paarung dieser Gegensätze ergeben sich die Elemente und auch die übrigen Stoffe.
 
Begründer der Meteorologie als einer eigenständigen Wissenschaft ist Aristoteles. Er begrenzte die Meteorologie auf diejenigen physikalischen Vorgänge, die sich in der Region unterhalb des Mondes, d. h. auf der Erde und in der Atmosphäre, ereignen. Unter dem Einfluss der Wärme der Sonne bildet die aus der Erde entstehende heiße und trockene Ausdünstung in der äußersten Schicht der Atmosphäre einen leicht entflammbaren Zunder, mit dem bestimmte Phänomene wie Meteore, Kometen usw. erklärt werden. Die feuchte und kalte Ausdünstung des Wasserelementes bildet mit der heißen und trockenen Ausdünstung die untere Schicht der Atmosphäre, die demnach heiß und feucht ist und (durch Abkühlung, Verdichtung) die Ursache für Nebel, Wolken, Regen und überhaupt alle Arten von Niederschlägen ist.
 
Aristoteles hat in seiner »Physik« eine systematische und einheitliche Darstellung der griechischen Physik gegeben. Sie ist für ihn die Disziplin, die sich mit »Bewegung« (griechisch kinesis) beschäftigt. Dabei umfasst Bewegung sowohl die räumliche Ortsveränderung als auch die zeitliche Entwicklung. Unterschieden werden u. a. die Bewegung aus sich und die erzwungene Bewegung. Da Letztere immer einen Beweger voraussetzt, ergibt sich die Frage nach dem Anfang aller Bewegung (das ist der »unbewegte Beweger«). Der Bewegung steht die Ruhe als kontradiktorischer Gegenpol entgegen. Unendliche Bewegung kann es nur auf Kreisbahnen geben. Diese ist im Bereich der Astronomie realisiert. Einen breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit den Paradoxien der Bewegung des Zenon von Elea ein. Es finden sich bei Aristoteles auch anwendungsbezogenere Aussagen, z. B. »Eine gegebene Last lässt sich nur durch eine bestimmte Kraft heben«. Diese wurde von Heron von Alexandria und Archimedes durch die Entdeckung des Hebelprinzips widerlegt. Auf Archimedes gehen auch andere wichtige Beiträge (z. B. das heute noch nach ihm benannte Prinzip des Auftriebs) zurück. Ein dritter, für die griechische Physik zentraler Themenkreis war der Aufbau der Materie. Die von Leukipp und Demokrit entworfene Atomtheorie wurde von Platon mithilfe der platonischen Körper idealisierend umgedeutet. Epikur versuchte, die Entstehung der Welt vermittels der Abweichung der Atome von ihrer geradlinigen Bahn zu erklären.
 
Nach modernem Verständnis dürfte Heron von Alexandria neben Archimedes der bedeutendste Physiker der Antike gewesen sein. Seine anwendungsbezogenen Untersuchungen (z. B. über die einfachen Maschinen) galten jedoch zu seiner Zeit als nicht zur Physik gehörend. Ähnliches gilt für die vielfältigen Ergebnisse, die in den Bereichen Optik und Akustik erzielt wurden. (griechische Astronomie, griechische Mathematik, griechische Medizin)
 
 
S. Sambursky: Das physikal. Weltbild der Antike (a. d. Engl., Zürich 1965);
 J. D. Bernal: Wiss., 4 Bde. (a. d. Amerikan., 1970);
 K. von Fritz: Grundprobleme der Gesch. der antiken Wiss. (1971);
 W. Kullmann: Wiss. u. Methode. Interpretationen zur Aristotel. Theorie der Naturwiss. (1974);
 W. Kullmann: Die Teleologie in der aristotel. Biologie (1979);
 O. Neugebauer: A history of ancient mathematical astronomy, 3 Bde. (Berlin 1975);
 M. Heidelberger u. S. Thiessen: Natur u. Erfahrung (1981);
 J. G. Landels: Die Technik in der antiken Welt (a. d. Engl., 31983);
 J. Rosmorduc: Une histoire de la physique et de la chimie (Neuausg. Paris 1985);
 J. Teichmann: Wandel des Weltbildes (Neuausg. 1985);
 G. Wöhrle: Theophrasts Methode in seinen botan. Schriften (Amsterdam 1985).

Universal-Lexikon. 2012.

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